Alte Steine als Wegweiser

Auf der linken Seite tobt der Verkehr auf dem Karl-Kellner-Ring, rechts befindet sich die Altstadt – dazwischen liegt eine Insel der Stille: Der um 1880 geschlossene alte jüdische Friedhof. Im Foto ist die Stadtmauer ganz rechts am Bildrand zu erkennen und links die Mauer, die an dieser Stelle als zusätzlicher Schutz diente. Der Friedhof befindet sich eingepfercht dazwischen – lag also seinerzeit außerhalb der Stadt.  Foto: Reeber

Ein Sonntag in den Ferien. Freunde sind zu Besuch. Das Freibad ist zu voll, zum Grillen fehlt die Kohle. Wie wär’s mit einer privaten Stadtführung? Man nehme: je ein...

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Wetzlar. Ein Sonntag in den Ferien. Freunde sind zu Besuch. Das Freibad ist zu voll, zum Grillen fehlt die Kohle. Wie wär’s mit einer privaten Stadtführung? Man nehme: je ein Fahrrad und eine Gratis-Broschüre der Tourist-Info. Und lasse sich von der Stadtmauer durch Wetzlar leiten.

Was so einfach klingt, ist es auch – wenn man die Augen aufhält. Zwar sind vom früher etwa 1,7 Kilometer langen Stadtmauerring nur noch vier zusammenhängende Stücke zu sehen: Am Steighausplatz, im Rosengärtchen, ober- und unterhalb des Säuturms und am Wetzbach längs zur Nauborner Straß;e. Aber: Der Verlauf der Stadtbefestigung, die bis zu elf Meter hoch und zwei Meter dick war, ist noch auszumachen. Der heutige Altstadtgrüngürtel aus fünf Anlagen folgt ihr grob – kein Zufall: Was dieser Tage die Anlagen sind, das waren früher Gärten, Wiesen oder Felder direkt vor der Stadt.

Am Wetzbach gelegen, entpuppt sich die Schladming-Anlage als verborgenes Kleinod vor der Stadtmauer. Es war im Mittelalter nicht unüblich, ein Stück vor der eigentlichen Stadtmauer (rechts) eine weitere, kleinere Mauer zu errichten, so auch hier. In diesem Zwinger zwischen den Mauern findet sich wenig später der erste Stopp unserer Tour, der jüdische Friedhof.
Der alte jüdische Friedhof ist üblicherweise verschlossen. Wer ihn besuchen will, kann bei der Tourist-Information am Domplatz nach dem Schlüssel fragen.
Auf dem jüdischen Friedhof: Hier wurden vom 17. Jahrhundert an die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde beigesetzt - bis zur Eröffnung des neuen Friedhofs 1881/1882. Das Foto zeigt die jüngsten Gräber, die letzte Beerdigung fand 1900 statt. Der schwarze Grabstein zeugt davon.
Blick vom Friedhof in Richtung Altstadt zum Steighausplatz. Im Vordergrund ist die Stadtmauer zu sehen, besser gesagt, das, was von ihr übrig blieb. Die Karte der Tourist-Information weist vier größere, zusammenhängende Teile der Mauer aus, die noch erhalten sind.
Von den einst etwa 300 Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof sind heute nur noch etwa 20 zu sehen. Ursprünglich waren sie alle ausschließlich hebräisch beschriftet.
Der jüdische Friedhof darf nach Ausleihe des Schlüssels zwar von jedermann betreten werden, nicht aber an jüdischen Feiertagen. Der Schlüsselanhänger listet diese Tage auf.
Blick zurück: Vom jüdischen Friedhof machen wir uns wieder auf den Weg - in Richtung Alte Lahnbrücke. Dort gab es eins der ehemals fünf Tore in der Stadtmauer, durch die zum Beispiel Händler nach Wetzlar kamen: das Brückentor. Auch nahe des jüdischen Friedhofs gab es ein solches Tor, nach ihm ist heute eine Straße benannt: die Silhöfertorstraße.
Der Name ist Programm: In der Straße "Hinter der Stadtmauer", der Verbindung vom Steighausplatz zur Silhöfertorstraße, findet sich ein Rest der Stadtmauer.
Es gab nicht nur die fünf großen Tore in der Stadtmauer, sondern auch kleinere Durchlässe, die Pforten. Eine besonders bekannte ist die Lahnpforte ("Tränkpförtchen") in der Nähe der Alten Lahnbrücke. Sie diente Handwerkern dazu, sich aus dem Mühlgraben oder Lahn Wasser zu holen.
Hier sind die Stadtmauer selbst und ihr weiterer Verlauf gut zu sehen:  in der Hauser Gasse. 1824 wurde das Hauser Tor abgerissen - lange vor Silhöfer, Wöllbacher und Obertor. Eine dem Hauser Tor vorgelagerte Ziegelpforte in der heutigen Hausertorstraße stand noch bis 1935.
Das heutige alte Rathaus, das von 1911 bis 1996 durch die Stadt für diesen Zweck genutzt wurde, war bei seiner Grundsteinlegung im Jahr 1782 als Archiv für das Reichskammergericht gedacht. Doch als das Gericht 1806 mit dem Reich aufgelöst wurde, war der Bau nicht einmal fertig, konnte seinen eigentlichen Zweck also nie erfüllen. In der Folge wurden zunächst das Kreis-, später das Amtsgericht hier einquartiert. Und heute befindet sich in der Hauser Gasse 17 das Historische Archiv der Stadt.
Der Fischmarkt war seit jeher einer der belebtesten Plätze der Stadt. Im Gebäude links (Fischmarkt 13) befand sich das Reichskammergericht, das grüne Gebäude (Schwarzadlergasse 2) beherbergt die Haupt-Apotheke. Die Front wurde nach dem großen Feuer im Jahr 1779 neu angelegt.
Nach einem kurzen Anstieg über den Domplatz und durch die Lottestraße wird der Lottehof erreicht, ein früherer Hof der Deutschordensritter.
Lottehaus: Hier lebte  Charlotte Buff, die eine freundschaftliche Beziehung zum jungen Goethe verband. Auf dem Hof, einer früherer Niederlassung der Deutschordensritter, die von hier aus ihre Güter verwalteten, befinden sich heute zudem das Stadt- und Industriemuseum und das Viseum.
Markanter Ziegelbau in der oberen Altstadt: Die frühere Lotteschule. In den 1990er-Jahren wurden alle ehemaligen Schulgebäude abgerissen, nur die Aula aus dem Jahr 1897 blieb erhalten und wurde saniert - und ist heute ein wirklicher Hingucker.  Im Mittelalter gehörte das gesamte Gelände zum Hof des Klosters Arnsburg und die dort ansässigen Jesuiten betrieben schon vor der Übergabe des Geländes an die Stadt eine Schule.
In der Butzbacher Gasse, zwischen Obertor und Turmstraße, ist ein sehr gut erhaltenes Stück der Stadtmauer zu sehen - der Wehrgang wurde allerdings nachgebaut. Die insgesamt etwa 1,7 Kilometer lange Mauer um die Stadt war bis zu elf Metern hoch und zwischen andertbald und zwei Metern dick.
Kein Stadttor ohne Zahlstelle: Hinter den Toren in der Mauer betrieb die Stadt Zollstellen, an denen der Wegezoll kassiert wurde. Zwar gibt es das Obertor in der gleichnamigen Straße seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr, die beiden quadratischen Zollhäuser aber sind noch zu sehen und engen die Straße sichtlich ein.
So sieht das Mauerstück in der Butzbacher Gasse von der Rückseite aus, so also stellte sich die Stadt nach außen dar.  Auf diesem Platz vor der Stadthalle findet sich zudem ein Grenzstein-Lapidarium, eine Sammlung historischer Grenzsteine, die in den vergangenen Jahren rund um die Stadt gefunden wurden und hier nun geballt zu sehen sind.
Ab dem 13. Jahrhundert war Wetzlar von einer mächtigen Stadtmauer umgeben, in der fünf Tore und mindestens neun Türme standen. Für ihre Instandhaltung waren die Zünfte zuständig, daher hieß der letzte erhaltene Turm der Stadtbefestigung, der Säuturm, ursprünglich Schneiderturm – nach der Zunft, die ihn zu unterhalten hatte.
Eines der imposantesten Gebäude in der Altstadt findet sich unter der Adresse Engelsgasse 2: Zunächst als "Haus zur Sonne" bekannt, hieß es seitdem "Zum Reichsapfel".
Ansammlung mehrerer schöner Fachwerkbauten in der Engelsgasse. Die Denkmalpflege datiert die meisten auf das 17. Jahrhundert.
Nicht nur auf den bekannten Plätzen der Stadt finden sich Postkartenmotive. Es lohnt, auch die eher unbekannten Gässchen der Altstadt zu besuchen, wie in diesem Fall die Engelsgasse. Hier findet sich gleich ein ganzer Haufen ansehnlicher Fachwerkhäuser aus mehreren Jahrhunderten. Auf den roten Holzbalken dieses denkmalgeschützten Hauses steht: „Bring Glück, wenn Du einkehrst. Sei gesegnet, wenn du ausgehst.“⋌
Radler auf dem Schillerplatz: Verkehrsführung, Parkplätze und Außenbestuhlung von Gastronomen sollen ab Frühjahr 2018 neu geregelt werden.
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Etwa ab Mitte des 13. Jahrhunderts war die Mauer weitgehend komplett – Historiker wissen das, weil 1267 das erste Stadttor in Urkunden auftaucht: das Obertor. Tore machen aber erst Sinn, wenn es keine anderen Zugänge in die Stadt mehr gibt.

Teil sechs der Reihe "Heimat Erfahren" startet auf dem Schillerplatz und begibt sich direkt in eine der Anlagen: In die Schladming-Anlage am Wetzbach. Auch sie liegt direkt vor der Stadtmauer, die hier eine Besonderheit hatte: Eine vorgelagerte Mauer als Verstärkung. Zwischen diesen beiden Wänden aus Bruchstein radeln wir durch die malerische Anlage, queren die Silhöfertorstraß;e (das Silhöfer Tor wurde 1271 erstmals erwähnt und 1831 abgerissen) und gelangen in die Straß;e "An der Stadtmauer". Welch ein Auftakt!

Die Mauer war nicht undurchdringbar: 
Neben den fünf
 groß;en Toren gab es 
weitere kleine Pforten

Tourenleiter Peter Fuess setzt noch einen obendrauf: Der alte jüdische Friedhof, der in eben jenem Zwinger zwischen den beiden Mauern liegt, ist verschlossen. Wer ihn besuchen will, kann bei der Tourist-Information am Domplatz nach dem Schlüssel fragen – Fuess hat das getan. Und so öffnet sich hinter einer knarzenden Holztüre eine andere Welt: Ein schmaler Streifen zwischen Mauern, einem Garten gleich, wo ab dem 17. Jahrhundert die Toten der jüdischen Gemeinde bestattet wurden. Vor 117 Jahren fand die letzte Beisetzung statt, ein schwarzer Grabstein erinnert. Von einst rund 300 Grabsteinen sind heute noch etwa 20 zu sehen.

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Wie eng die Stadtmauer die Stadt einfasste, zeigt der Blick vom Friedhof: Auf der Innenseite, am Steighausplatz, lehnen sich Häuser geradezu an die Stadtmauer an.

Neben den fünf groß;en Toren an den Hauptstraß;en in die Stadt gab es auch kleinere Öffnungen in der Mauer, die Pforten. Eine davon ist die Tränkpforte in der Nähe der Alten Lahnbrücke. Sie diente Handwerkern dazu, sich aus dem Mühlgraben oder der Lahn Wasser zu holen. Und jedem, der diese Tour fährt, als charmanter Weg aus der Stadt zur Colchester-Anlage auf der Lahninsel. Dort gibt es keine Reste der Mauer, denn sie verlief direkt am Mühlgraben. Zum Grüngürtel gehört die Anlage dennoch – und bringt uns steigungsfrei zum nächsten Halt. Beim Stopp vor der Hausermühle ist die Stadtmauer im Querschnitt zu sehen, abgesetzte Pflastersteine in der Fahrbahn markieren, wie sie weiter verlaufen wäre. Dieser Ort ist wichtig, stand hier doch bis zu seinem Abriss 1824 das Hauser Tor, benannt nach der Vorstadt Hausen. Apropos Vorstadt: Ja, Silhofen gab es auch.

Bergauf geht es nun. Weil die Stadtmauer im Rosengärtchen zwar gut zu sehen, aber schlecht zu erradeln ist, führt die Tour durch das Herz der Altstadt bergauf – vorbei an drei ehemaligen Rathäusern: Zuerst dem heute als "Altes Rathaus" bekannten Bau in der Hauser Gasse, 1782 als Archiv des Reichskammergerichts begonnen, Rathaus von 1911 bis 1996.

Ein Stück weiter oben steht am Fischmarkt (Nummer 13) das wohl erste, ab etwa 1350 zu diesem Zweck genutzte, Rathaus der Stadt. In ihm saß; anschließ;end von 1690 bis 1806 das Reichskammergericht. Und schließ;lich befindet sich auf dem Domplatz das Rathaus der Periode von 1690 bis 1911, ehemaliges Kaufhaus der Stadt und heute Tourist-Info.

Kaufhaus? Nein, das war kein Supermarkt. Sondern der Ort, an dem im Mittelalter durch die Stadt reisende Händler ihre Waren herzeigen mussten, wie Peter Fuess erklärt. Sie wurden vermessen – daher hängt an der Fassade die "Wetzlarer Elle", ein mittelalterliches Maß;, – zudem mussten die Händler ihre Waren hier anbieten.

Vom Domplatz geht es oben rechts in die Blaunonnengasse, wo das älteste gotische Steinhaus der Stadt steht – ein Schild weist darauf hin. Das ist gut so, denn während viele Fachwerkbauten in der Umgebung mit Farben und Formen protzen, ist dieses Haus... einfach ein Haus. Klein und schlicht.

Nach einem kurzen Anstieg wird der Lottehof erreicht, ganz früher ein Hof der Deutschordensritter, später der Ort, an dem Goethes Schwarm Charlotte Buff aufwuchs – als zweitältestes von 16 Kindern. Heute sind hier das Stadtmuseum und das Lottehaus zu sehen.

Nach einer Rast radeln wir wieder der Mauer entgegen. Das Wöllbacher Tor beziehungsweise seinen Standort lassen wir aus, passieren den Kornmarkt, wo Goethe während seines Aufenthalts im Jahr 1772 zur Miete wohnte, und steuern das Obertor an. Auch dieses Tor ist längst abgerissen, geblieben sind zwei gedrungene Häuser an der Obertorstraß;e. Sie standen einst hinter dem Tor und dienten als Zollstationen. Hier kassierte die Stadt von jedem, der durchreiste, Wegezoll. Bevor wir zollfrei hindurch radeln, geht es einmal um die Ecke. In der Butzbacher Gasse steht, leicht versteckt zwischen zwei Häusern, ein gut erhaltenes Stück Stadtmauer mit einem Bonus: Ein originalgetreu ergänzter Wehrgang vermittelt das Aussehen der Anlage und verdeutlicht ihre Ausmaß;e.

Nach der Rast im Schatten der Mauer geht’s nun also am nicht mehr vorhandenen Obertor hinaus aus der Altstadt und rechts ums Eck. Auf dem Platz vor der Stadthalle lernt man, warum eine Mauer im Speziellen und Schutz im Allgemeinen so bedeutend waren: Weil die Stadt seit jeher von Fremden umgeben war – bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Wetzlarer Umland stark zersplittert, verschiedene Fürsten und Grafen hatten Grenzen mit der alten Reichsstadt. Markiert wurden diese Grenzen durch Steine, von denen einige auf dem Platz unterhalb der Stadthalle zusammengetragen worden sind und als "Wetzlarer Grenzstein-Lapidarium" an die Zeit erinnern, als Garbenheim im "Ausland" lag – und Solms noch viel mehr.

Scharf geht es bergab, dann stehen wir vor dem letzten der ehemals mindestens neun Türme in der Stadtbefestigung: dem Säuturm, der im Mittelalter Schneiderturm hieß;. Für die Unterhaltung der Stadtmauer – und damit auch der Türme – waren einst die Zünfte zuständig. Abschnittsweise versteht sich. Hier oben waren das die Schneider, daher die Benennung des Turmes. Und weil man später neben dem Turm eine Pforte anbrachte, um die Schweine auf die Weiden zu treiben, heiß;t das zur Stadtseite hin offene Bauwerk heute Säuturm.

Von dort ist der Weg zum Ausgangspunkt auf dem Schillerplatz leicht zu finden: bergab, vorbei am Palais Papius, dem Reichskammergerichtsmuseum, dem Haus in der Zuckergasse 8, in dem 1767 die erste Zeitung der Stadt gedruckt wurde: die "Wetzlarischen Anzeigen".

Wer ein wenig mehr Zeit hat, stoppt noch am Haus "Zum Reichsapfel" in der Engelsgasse 2/Ecke Kornmarkt und schiebt danach ganz gemütlich Richtung Jäcksburg. Und bleibt stehen, um an einer Häuserfront den Spruch zu entziffern, der auch für manchen Sonntagsbesuch gilt: "Bring Glück, wenn du einkehrst. Sei gesegnet, wenn du ausgehst."

TOURINFOS

Name: Alte Steine als Wegweiser

Start+Ziel: Schillerplatz

Länge: 3,3 Kilometer

Dauer: 1,5 Stunden

Höhenmeter: 106

Steigung: gering

Orte: Wetzlar

ÖPNV: Leitzplatz, diverse Stadtbuslinien

Höhepunkte: jüdischer Friedhof, Fischmarkt, Butzbacher Gasse, Schladming-Anlage, Engelsgasse.