Entschuldigung von Chefredakteur Lars Hennemann

Lars Hennemann

Eine Entschuldigung: Warum ein antisemitischer Brief veröffentlicht worden ist und was das für die Redaktion bedeuten muss.

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. Reden wir nicht lange drum herum: In den ECHO-Zeitungen und in der "Main-Spitze" ist am Samstag ein Leserbrief erschienen, der niemals hätte erscheinen dürfen. Weil er antisemitische Hetze transportiert hat. Und das trotz Bearbeitung durch eine Redaktion, die für sich in Anspruch nimmt, für die Würde, Freiheit, Unverletzbarkeit und Selbstbestimmtheit aller einzustehen, die in diesem Land miteinander leben.

Die erste Frage, die nach dem Lesen eines solchen Briefes natürlich kommt, lautet: "Wie konnte das passieren?" Bevor ich sie zu beantworten versuche, muss zuvor noch einmal eine Entschuldigung kommen. Ich entschuldige mich im Namen der Redaktion bei allen, die sich durch diesen Brief angegriffen, verletzt oder gar bedroht gefühlt haben. Nichts lag und liegt uns ferner. Die VRM, in der auch das ECHO und die "Main-Spitze" erscheinen, steht fest und unverrückbar auf dem Boden der Werte, die uns das Grundgesetz vorgibt. Das bedeutet, dass wir religiöse Haltungen achten. Das bedeutet ebenso, dass wir Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ebenso ablehnen wie sexuelle Diskriminierung. Und es bedeutet, dass wir uns der besonderen Verpflichtung Deutschlands aufgrund seiner Geschichte bewusst sind. Wir stehen zu unserer Verantwortung, den Holocaust immer weiter aufzuarbeiten und dafür zu sorgen, dass dieses schreckliche Verbrechen an einem ganzen Volk niemals in Vergessenheit geraten darf.

Und trotzdem haben wir diesen Leserbrief gedruckt, der bei vielen Leserinnen und Lesern für absolut berechtigte Empörung gesorgt hat. Nicht, weil sich in ihm eine Haltung ausdrückt, die wir entweder explizit oder implizit durch das Abdrucken solcher Briefe befördern wollten. Das Gegenteil ist der Fall. Der Brief konnte gedruckt werden, weil es in einem mehrstufigen, technisch regelkonform abgelaufenen Bearbeitungsprozess trotz etwa des auch in diesem Fall zur Anwendung gekommenen Vier-Augen-Prinzips niemandem aufgefallen ist, welches Gift hier den Weg in unsere Publikationen finden sollte und leider auch tatsächlich gefunden hat.

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Wir können dies nicht mehr ungeschehen machen. Wir können aber um Verzeihung bitten, insbesondere unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und wir können - und müssen - daraus lernen. Dieser Prozess des Lernens und der Aufarbeitung hat begonnen. Wir haben unsere internen Abläufe rund um Leserbriefe um eine weitere Kontrollstufe erweitert. Auch sind wir alle auf schmerzhafte Weise sensibilisiert worden, wie wichtig ein genauer Umgang mit eingesandtem Material ist.

Aber das Lernen geht noch weiter. Die Redaktion ist bei der Veröffentlichung von Leserbriefen ganz bewusst immer sehr weit gegangen. Nicht, um Extremisten gleich welcher Couleur eine Plattform zu bieten, sondern um den Diskurs, über den sich eine Gesellschaft gerade in so turbulenten Zeiten wie diesen selbst verortet und verorten muss, so offen wie möglich zu halten und zu gestalten. Dieser Versuch, im Sinne der Meinungsfreiheit möglichst viele Äußerungen zuzulassen, ist, wie wir leider erleben mussten, nicht ohne Risiko. Die notwendigen Sicherungen, die man für eine solche offene Herangehensweise braucht, haben im aktuellen Falle leider versagt. Wir werden in Zukunft deutlich genauer schauen, wie weit wir gehen und welche Sicherungen wir dafür haben.

Der Begriff "Diskursverschiebung" prägt seit geraumer Zeit die Debatte um das Selbstverständnis insbesondere der Medien. Was ist noch sagbar, was nicht? Welche neuen Standpunkte gibt es, die tatsächlich bedenkenswert sind? Wo endet die Meinungsfreiheit und wo beginnen weiterhin Hass und Hetze? Auch ECHO und "Main-Spitze" sind Teil dieses Diskurses und haben sich ihm zu stellen. Aber niemals durch sein aktives Verschieben in offenen Antisemitismus oder andere, unter freien Demokraten niemals tolerierbare Auswüchse von Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Radikalismus. Auf diesem Weg, in diesem Prozess haben wir einen Fehler gemacht. Einen schweren Fehler. Wir bitten um Verzeihung. Und versprechen, dass er uns eine Lehre sein wird.

Von Lars Hennemann