Heimat erfahren: Eine Perle der Natur

EINE PERLE DER NATUR: Das einmalige Niedermoor-Biotop bei Großaltenstädten ist Ziel der sechsten Tour. Mit Anreise an der Lemp und Abreise über Blasbach kommen 32 sehr naturnahe Kilometer zusammen.  Foto: Reeber

Zur "Perle der Natur" führt ein Traum von einem Radweg. Das im Lahn-Dill-Kreis einmalige Niedermoor bei Großaltenstädten ist Ziel von Teil 6 der Reihe "Heimat erfahren". Der...

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Hohenahr-Großaltenstädten. Zur "Perle der Natur" führt ein Traum von einem Radweg. Das im Lahn-Dill-Kreis einmalige Niedermoor bei Groß;altenstädten ist Ziel von Teil 6 der Reihe "Heimat erfahren". Der Weg führt durchs Lemptal – zum Glück.

Durchs Rad betrachtet: Wer in die Gemeinde Hohenahr will, dem sei der Lemptalradweg wärmstens empfohlen: Die gut ausgebaute, gut ausgeschilderte Route startet in Ehringshausen und führt bis nach Hohensolms. Vor allem der untere Abschnitt bis nach Oberlemp ist eine wahre Freude.
Und so sieht der Weg im Lemptal aus: Eben, breit und weitgehend abseits der Ortschaften zieht sich das Asphaltband bergauf, aber so sanft, dass es der Radler kaum bemerkt.
Oberhalb von Oberlemp blicken Radler zum letzten Mal das Lemptal hinunter, denn ab hier geht es in den Wald. Hinter dem Waldstück wird dann für den Großteil der restlichen Route Hohensolms den interessantesten Anblick bieten. Im Wald ist der Radweg übrigens nicht asphaltiert, dennoch aber gut befahrbar.
Hier lohnt sich grundsätzlich eine Pause: In der Nähe der Grillhütte Großaltenstädten kommt Hohensolms zum ersten Mal ins Blickfeld der Radler. Der Aufstieg ist beendet, nun geht es weitgehend eben weiter. Zeit, kurz durchzuschnaufen und den Ausblick zu genießen.
Wegekreuz: Der Lemptalradweg biegt nach Hohensolms ab, wer zum Biotop möchte, muss aber ein Stück in Richtung Großaltenstädten und dann links fahren.
Großaltenstädten kommt in Sicht. Der Ort liegt auf rund 300 Metern Höhe, das sind immerhin 150 mehr als beim Start in Ehringshausen. Die Tour führt zwar nicht nach Großaltenstädten hinein, ein Abstecher sei wegen der ansehnlichen Fachwerkhäuser aber sehr empfohlen.
Im historischen Rat- und Backhaus in der Mitte von Großaltenstädten befinden sich heute ein Café, ein Laden und das Heimatmuseum. Wer einkehren will, sollte die Öffnungszeiten beachten: Das Café zum Beispiel ist mittwochs, donnerstags und freitags von 15 bis 17.30 Uhr sowie samstags und sonntags von 7.30 Uhr bis 10 Uhr geöffnet. Infos unter www.backhaus-gross-altenstaedten.de.
Neben der Burg ist dies die zweite bekannte Landmarke der Gemeinde Hohensolms: Der Windpark auf dem Höhenzug in Richtung Blasbach ist aus großer Entfernung zu sehen.
Immer wieder ändert sich die Landschaft im Vordergrund, aber immer wieder thront Hohensolms ähnlich dominant darüber.
Diplom-Biologe Klaus Schmidt erstellt für die Naturlandstiftung Pflegekonzepte für die einzelnen Biotope - auch für das Niedermoor "Eicheboden" bei Großaltenstädten. Entsprechend gut kennt er sich hier oben aus.
Viele Libellenarten, Vögel und besondere Pflanzen wie Gelb- und Blutweiderich werden im Niedermoor gefunden.
Setzen sich für den Erhalt des Biotops ein: Horst Ryba, Vorsitzender der Naturlandstiftung (links), im Gespräch mit Hohenahrs Bürgermeister Armin Frink.
Die "Delle" im Bewuchs des Biotops zeigt eine Stelle, an der Wasser aus dem Boden dringt. Das Wasser ist ein zentrales Element für Biotope wie dieses. Etwa 95 Prozent eines Moores sei Wasser, erläutert Horst Ryba, der Vorsitzende der Naturland-Stiftung.
Ortstermin am einzigen Moor, das die Naturlandstiftung im Lahn-Dill-Kreis betreut (von links): Der Vorsitzende Horst Ryba, Diplom-Biologe Klaus Schmidt, Kreisjagdberater Michael Brück und Hohenahrs Bürgermeister Armin Frink freuen sich, dass der ADFC mit seinem Kreisvorsitzenden Peter Fuess das Biotop bei Großaltenstädten zum Ziel einer offiziellen Radtour auserkoren hat.
Auf dem Rückweg: Natürlich können Besucher des Biotops den gleichen Weg zurückfahren, über den sie gekommen sind: Durchs Lemptal nach Ehringshausen also. Alternativ gibt es die Möglichkeit, unterhalb von Hohensolms und oberhalb von Blasbach bis nach Niedergirmes zu rollen und zum Ende der Tour in Wetzlar einzukehren.
Letzter Blick auf Hohensolms, bevor es in den Wald geht. Die Strecke hinab nach Blasbach verläuft über Forstwege, ist etwas ruppig, wegen des  vorherrschenden Gefälles aber äußerst angenehm zu fahren.
Blasbach wird um-, nicht durchfahren. Wir bleiben bis zum Simberg auf der Höhe, rollen erst dann (aber kräftig!) ins Tal.
Die Stadt kommt in Sicht: Zum Ende der Tour rollen wir auf Wetzlar zu, vorbei an der Grube Malapertus und den Simberg hinunter. Die Aussichten sind auch hier kolossal.
Das Dilltal. Vorne liegt Aßlar, ein Stück dahinter in Ehringshausen begann die Tour. 32 Kilometer stehen auf dem Tacho, wer vom Biotop aus den Hinweg auch zurückfährt, kommt auf gut 25.
Und wieder Wetzlar. Der letzte echte Ausblick dieser Fahrt ist kein schlechter. Bei einer Pause am Simberg lässt sich viel erblicken, von den großen Bauten in der Stadt über den Dom und den Kalsmunt bis nach Nauborn.

Denn der ebene, groß;teils asphaltierte Weg, der von Ehringshausen über Kölschhausen, Nieder- und Oberlemp bis nach Groß;altenstädten verläuft, ist ein Genuss. Was sich zum Beispiel daran zeigt, dass zwischen dem Start an der Dill und dem Ziel auf dem Berg 150 Meter Höhenunterschied liegen, der Weg aber nie bergauf führt – gefühlt jedenfalls nicht. Klar geht es bergauf. Aber eben so sanft, dass es nicht auffällt. Das Lemptal ist erste Wahl für den Aufstieg nach Hohenahr, den der ADFC-Kreisvorsitzende Peter Fuess geplant hat.

"Eine Perle der Natur" – die Einschätzung des Biotops am Rande des Radweges stammt aus berufenem Munde. Seit 2010 betreut der Kreisverband Lahn-Dill der Naturlandstiftung die 10 000 Quadratmeter groß;e Fläche und der Vorsitzende Horst Ryba ist selbst vom Projekt begeistert. Der Mensch, erzählt Ryba vor Ort, hat in Mitteleuropa fast alle Moore vernichtet. Mit ihnen sind Tier- und Pflanzenarten verschwunden, die auf die besonderen Lebensbedingungen angewiesen sind.

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So weit soll es in Groß;altenstädten nicht kommen: Wie vielerorts blühte auch hier dem Feuchtgebiet und dem Niedermoor (offizieller Name: "Eicheboden") das Ende. Ein Tümpel drohte zu verlanden. Entwässerungsgräben hätten den Abfluss des Wassers beschleunigt. Es war vor allem die Ortsgruppe im Naturschutzbund um ihren Vorsitzenden Gustav Tröll, die sich für das Biotop einsetzte, berichtet Ryba. So wurde die Naturlandstiftung auf die "Perle" aufmerksam. Gespräche mit der Gemeinde und den Landbesitzern begannen. Grundstücke wurden gekauft oder gepachtet. 2010 schließ;lich stellte die Stiftung 10 000 Quadratmeter Fläche südwestlich von Groß;altenstädten als ihr 30. Biotop unter Schutz.

Niedermoore entstehen in Hangmulden und wachsen im Gegensatz zu anderen Moortypen nicht von den Seiten

Praktisch bedeutet das, dass der Stiftung die Verwaltung der Fläche obliegt, dabei geht es um Pacht, Absprachen unter den Eigentümern und mehr. Zudem erstellt sie einen Pflegeplan. Die eigentliche Pflegearbeit leisten lokale Gruppen, in diesem Fall die Ortsgruppe des Naturschutzbundes. Sie setzt Maß;nahmen aus dem Pflegeplan um, pflegt und erhält einen Damm, mäht die Hochstauden.

Diplom-Biologe Klaus Schmidt aus Beilstein ist als ökologischer Berater für die Naturlandstiftung tätig und hat das Pflegekonzept für das Niedermoor erstellt. Er kennt die Fläche gut, kann besondere Tiere und Pflanzen bestimmen und vor allem die wohl erste Frage jedes Besuchers beantworten: Was ist eigentlich ein Niedermoor?

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Der Name, erläutert Schmidt, ergibt sich durch die Lage. Niedermoore bilden sich in Hangmulden, wo sich Wasser sammelt. Das Wasser stammt nicht aus Niederschlag, es tritt auch in Groß;altenstädten an mehreren Stellen aus dem Boden – nicht punktuell, sondern groß;flächig. Die Feuchtigkeit sammelt sich in der Mulde am Fuß; des Hanges und schafft dort das Feuchtgebiet – jedenfalls, wenn es keine Entwässerung gibt.

Für die Naturlandstiftung ist das Niedermoor wichtig, weil es eine Lücke schließ;t: "Wir wollen alle Habitate, die in Mitteleuropa vorkommen, in unserem Spektrum haben", sagt der Vorsitzende Horst Ryba. Das Niedermoor gehört dazu. Das nächste vergleichbare Biotop dieser Art gebe es in Lich.

Gelb- und Blutweiderich sind zwei typische Pflanzen, die im Niedermoor gedeihen und die auch der Laie an ihrer leuchtend gelben bzw. blutroten Farbe erkennt. Es gibt ein bedeutendes Vorkommen des Braunkehlchens. "Und was ich hier schon an seltenen Groß;libellen fotografiert habe, ist beachtlich", sagt Schmidt.

"Niedermoore sind seltene Flächen. Wir sind stolz darauf, dass es bei uns ein solches Biotop gibt", sagt Hohenahrs Bürgermeister Armin Frink (parteilos). Er hebt vor allem die Zusammenarbeit der Akteure hervor, also der Naturlandstiftung, der Gemeinde und der Landeigentümer. "Es ist wichtig, dass alle mitmachen und keiner das Vorhaben torpediert."

Versinken können allenfalls die Gummistiefel: Tiefer als einen Meter ist das Moor an keiner Stelle

Als Beisitzer im Vorstand ist Frink für die Naturlandstiftung ein wichtiges Bindeglied in die Politik. Das Gespräch, der Austausch sei ungemein wichtig für die Stiftung und ihre Projekte, sagt Ryba. Bei einem Jahresbudget von 10 000 Euro ist die Stiftung darauf angewiesen, ihre Projekte durch Überzeugung und Kooperation umzusetzen, weniger mit Hilfe des Scheckbuchs.

"Moor", das klingt erst mal gefährlich. Doch Angst, beim Besuch des Biotops zu versinken und als Moorleiche zu enden, muss kein Besucher haben. Zwar bitten die Verantwortlichen der Naturlandstiftung, das Moor von auß;en zu betrachten, sich an den Infotafeln zu informieren. Da die Torfschicht aber nur einen halben bis einen Meter dick ist, kann niemand, der hineingerät, untergehen. "Man kann höchstens seine Gummistiefel verlieren", scherzt Schmidt. Was ihm egal ist. Der "Vater des Moores" geht mit Sandalen hinein. Getreu dem Motto: Was in Sandalen reinläuft, das läuft auch wieder raus.

Apropos raus: Wer sich das Moor angesehen hat, kann natürlich durchs Lemptal wieder zurück fahren. Oder ein paar Kilometer draufpacken und den Besuch zu einer Rundtour mit Ziel Wetzlar machen. Es geht zunächst in Richtung Hohensolms, dann unterhalb des Ortes weiter bis zur Landstraß;e nach Blasbach. Schräg gegenüber der Bushaltestelle ("Parkplatz am Altenberg") führt ein Waldweg nach Südosten und erreicht nach 300 Metern den Radweg von Königsberg nach Blasbach. Wer einigermaß;en geschickt fährt, umrundet Blasbach auf der Höhe und bleibt bis kurz vor der A 45 auf dem Kamm.

Auf der Rückfahrt in die Stadt wird deutlich, dass der Lemptalradweg eben doch nach oben geführt hat. Denn wir erreichen den Simberg – nach einer langen Abfahrt. Das Niedermoor liegt also ganz schön hoch.

Wer die Tour zum Niedermoor nicht allein fahren will, kann bis zum 23. September warten. An diesem Tag bietet der ADFC Lahn-Dill den Besuch im Biotop als geführte Tour an. Abfahrt ist um 10.30 Uhr an der Alten Lahnbrücke in Wetzlar. Nichtmitglieder zahlen sechs Euro.

Tourinfos:

Name: Eine Perle der Natur

Start: Bahnhof Ehringshausen

Ziel: Bahnhof Wetzlar

Länge: 32 Kilometer

Dauer: 3 Stunden

Höhenmeter (auf u. ab): 715

Steigung: moderat

Orte: Ehringshausen, Kölschhausen, Niederlemp, Oberlemp, Groß;altenstädten, Hohensolms, Blasbach, Wetzlar.

ÖPNV: Bahnhof Ehringshausen, RB 40, Bus 202, 204, 471

Positiv: Der Lemptalradweg ist eine traumhafte Route. Auf allen Abschnitten der Strecke bieten sich grandiose Aussichten.

Negativ: Einkehrmöglichkeiten sind eher rar gesät. Sonntags von 15 bis 18 Uhr bietet sich das Backhaus-Café in Groß;altenstädten an.