Regionales Superfood und "Mutter aller Samen"

Landwirt Mario Schuchmann riecht in seinem Quinoafeld am Wurzelwerk einer Pflanze. Foto: dpa

Auf dem hügeligen Acker wirken die hohen lila und grünlich schimmernden Pflanzen ein wenig wie eine Welle. Einige überragen einen ausgewachsenen Menschen. Wer an dem Feld bei...

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OBER-RAMSTADT. Auf dem hügeligen Acker wirken die hohen lila und grünlich schimmernden Pflanzen ein wenig wie eine Welle. Einige überragen einen ausgewachsenen Menschen. Wer an dem Feld bei Ober-Ramstadt vorbeiläuft und nicht weiß, was da sprießt, könnte es möglicherweise auch für wucherndes Unkraut halten. Doch was auf dem Acker wächst, ist die auch Anden-Getreide oder Inka-Korn genannte Quinoa - ein "Superfood" und eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. In den kommenden Tagen wollen drei Bauern aus dem Odenwald bei ihrem gemeinsamen Projekt mit der Ernte beginnen.

"Das ist alles noch im Versuchsstadium"

"Es gibt viele Sachen, die toll sind, die man aber einfach nicht auf dem Schirm hat", sagt Landwirt Mario Schuchmann. Der 35-Jährige aus Ober-Ramstadt begann 2017 mit seien beiden Mitstreitern Johannes Böhm aus Otzberg und Andreas Michel aus Habitzheim das Projekt mit dem sogenannten Superfood. Auf sechs Hektar ihrer Felder stehen in diesem Jahr die unterschiedlichen Quinoa-Pflanzen. Die Ernte wird je nach Sorte bis in den Oktober oder November hinein dauern.

"Das ist alles noch im Versuchsstadium", sagt Schuchmann. Ein Bio-Siegel haben die drei Landwirte nicht, doch wird beim Aufwachsen der im April oder Anfang Mai ausgesäten Anden-Pflanze kein Dünge- oder Pflanzenschutzmittel benutzt. "Die sollen aus sich selber heraus wachsen." Mit den auswaschbaren Bitterstoffen hätten sie zudem genug Eigenschutz gegen Schädlinge. "Quinoa ist ziemlich robust." Aber auch wenn "Superfood" seit geraumer Zeit in aller Munde ist, ist für Schuchmann eines klar: "Quinoa ist ein Nischenprodukt."

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Eine Auffassung, die der Deutsche Bauernverband teilt. "Der Anbau von Quinoa in Deutschland hat derzeit noch keine große Bedeutung", sagt der Ackerbauexperte des Bauernverbandes, Johann Meierhöfer. Genaue Zahlen lägen für 2021 nicht vor, die durchschnittliche Ausdehnung der Anbaufläche in den letzten Jahren habe aber bei etwas über 100 Hektar gelegen. Diese verteilten sich in Deutschland auf gut 50 Betriebe.

"Schon daraus lässt sich erkennen, dass es bisher ein Nischenprodukt für wenige Enthusiasten ist", sagt Meierhöfer. Ackerbaulich sei die Quinoa eine gute Ergänzung der bisherigen Fruchtfolgen, es fehle allerdings noch an einem breiteren Spektrum von Sorten, die auch an deutsche Standorte angepasst sind. Auch die Ernte und die Verarbeitung sind anspruchsvoll. Bei rund 7000 Tonnen Verbrauch in Deutschland sei der Markt sicherlich begrenzt, aber dennoch wäre es zu begrüßen, wenn mehr davon in Deutschland angebaut werden würde.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge wurden 2020 gut 7800 Tonnen Quinoa nach Deutschland eingeführt, der überwiegende Teil aus Bolivien und Peru. Zum Vergleich der Größenordnung: Die erwartete Getreideernte liegt dem Bauernverband zufolge in Deutschland in diesem Jahr bei gut 40 Millionen Tonnen.

Schuchmann und seine Mitstreiter wollen ihr Projekt ausweiten. "Mit steigender Nachfrage werden wir das auch ausbauen", sagt der Betriebswirt für Landwirtschaft, der den rund 100 Hektar großen Hof zusammen mit seinem Vater betreibt. Vermarktet werden die Körner derzeit über Unverpackt-Läden, kleine Händler von Speyer bis Gießen und über einen Online-Shop. "Wir haben keine Großabnehmer." Der Ertrag könne in einem Jahr bei 750 bis 1000 Kilo pro Hektar liegen.

Ideen sind am Biertisch gekommen

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Die Idee sei ihm und seinen beiden Kollegen quasi am Biertisch gekommen. Sie hätten bei einer Veranstaltung zusammen gesessen und alle drei hätten sie sich vorher schon Gedanken über alternative Früchte auf ihren Feldern gemacht. "Man muss auch mal über den Tellerrand hinausschauen", sagt Schuchmann. Der Trend gehe zu mehr Vielfalt an gesundem Essen. "Für mich ist das ein Herzensprojekt", sagt der 35-Jährige, der in diesem Jahr auch Hirse angebaut hat.

Das Pseudogetreide Quinoa gehört zu den Fuchsschwanzgewächsen und ist damit eher mit Zuckerrübe, roter Bete und Spinat, als mit Weizen oder Roggen verwandt. Die Körner gelten als glutenfrei, haben einen hohen Eiweißgehalt und Anteil an essenziellen Aminosäuren. Schuchmann zufolge heißt Quinoa in der heimischen Sprache die "Mutter aller Samen".

Von Oliver Pietschmann