Wächterpreis für den „Wiesbadener Kurier“

Olaf Streubig, (links), Birgit Emnet und André Domes sind für ihre Berichterstattung zum Awo-Skandal in Wiesbaden mit dem Wächterpreis ausgezeichnet worden. Foto: VRM

Birgit Emnet, Olaf Streubig und André Domes sind für ihre AWO-Recherche ausgezeichnet worden. Festredner Michael Wolffsohn war voll des Lobes – und hielt den Medien den...

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WIESBADEN. Es war eine Preisverleihung der ungewöhnlichen Art. Nicht nur, weil sie pandemiebedingt per Livestream auf Youtube stattfand. Sondern auch, weil der Festredner der zu belobigenden Gattung Tagespresse mit, wie er selbst sagte, „blutendem Herz“ den Spiegel vorhielt...

Am Freitag wurde der diesjährige Wächterpreis der Stiftung „Freiheit der Presse“ verliehen. Ausgezeichnet wurden (dritter Preis) Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“ wegen seiner Berichte über einen Mord im Sektenmilieu und (zweiter Preis) Christian Parth und Axel Spilcker vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ für eine Serie zur Macht krimineller Clans in Nordrhein-Westfalen. Der erste Preis ging an Birgit Emnet, Olaf Streubig und André Domes vom „Wiesbadener Kurier“, einer Tageszeitung der VRM. Sie hatten in monatelanger Arbeit ein System krimineller Machenschaften und Selbstbereicherungs-Netzwerke beim Kreisverband Wiesbaden der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aufgedeckt. Emnet, Streubig und Domes bedankten sich beim Team ihrer Lokalredaktion und bei der VRM, die ihnen durch Kollegialität und Rückendeckung sowohl die nötigen Freiräume für die intensive Recherche ermöglicht als auch teilweise heftige juristische Anfeindungen abgeblockt hätten. „Unsere Arbeit hat sich nie gegen die 430 Mitarbeiter des AWO-Kreisverbands gerichtet, sondern gegen die kriminelle Energie einiger Funktionäre“, so Birgit Emnet. Die Aufarbeitung der Affäre sei noch lange nicht abgeschlossen, die Berichterstattung gehe weiter.

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„Dies zeigt exemplarisch, wozu auch Lokalredaktionen fähig sind. Machen Sie weiter, bleiben Sie Vorbild“, betonte Moritz Döbler, Chefredakteur der „Rheinischen Post“ und Vorsitzender der Jury. Die Arbeiten aller Preisträger stünden exemplarisch für das Aufdecken von Missständen, von Korruption und Vetternwirtschaft, eben für die Arbeit von Wächtern.

Es war dieser Begriff des Wächters, den Festredner Michael Wolffsohn, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, zu einer demokratietheoretischen Positionsbestimmung nutzte. „Meine Rede wird Ihnen nicht gefallen. Das sagt Ihnen ein Freund, der täglich Tageszeitungen liest“, schickte er besänftigend voraus. Seine zentrale These: Ohne Kontrolle werde auch ein Wächter ganz schnell zum Sittenwächter oder Schlimmerem, der den eigenen Willen und das eigene Weltbild mit denen der Allgemeinheit verwechsele oder diese gezielt verordnen wolle. Die Presse, so Wolffsohn, stehe als sogenannte vierte Gewalt in der Tradition der angelsächsisch-parlamentarischen Demokratie, aber mangels Kontrolle mit einer „Systemlücke“, die es zu schließen gelte. Wie aber kann das mit Pressefreiheit zusammengehen? Das ließ er mehr oder weniger offen, „natürlich nicht über Zensur“: „Auszeichnungen wie der Wächterpreis sind ein gutes Mittel. Sie sind aber Selbstkontrolle. Reicht Selbstkontrolle als Korrektiv?“

Als Notwendigkeit für Korrektive führte Wolffsohn eine seiner Meinung nach existierende Vormacht des linken Meinungsspektrums in den Redaktionen an. Wenn sich selbst der Qualitätsjournalismus in Zeitungen und mitunter noch stärker im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zunehmend anmaße, die Allgemeinheit einseitig zu bevormunden, entziehe er sich selbst die Legitimation.

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Den Boom der Sozialen Netze führte Wolffsohn „nicht nur, aber auch“ darauf zurück, dass immer mehr Menschen dieser zumindest gefühlten Bevormundung zu entkommen versuchten. Für die Demokratie sei das gefährlich. Man habe etwa in Ungarn gesehen, wohin das führe, wenn sich Politiker diese Stimmung zunutze und zu die Freiheit unterdrückenden Gesetzen machten.

„In Deutschland sind wir noch nicht so weit“, sprach er seinen Zuhörern wieder Mut zu. Aber wenn – wie geschehen – bei den antisemitischen Demonstrationen vor einigen Wochen viele Redaktionen diese nicht mehr klar als solche benennten, dann sei dies mehr als bedenklich: Für eine selbstverordnete Konformität eigentlich freier Medien sei seine (1939 vor den Nazis nach Palästina geflüchtete, Anm. d. Red.) Familie nicht nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt.

Der Mut zu unabhängiger, objektiver Berichterstattung sei für Tageszeitungen jedoch auch wieder eine große Marktchance. „Sie sehen, mein Herz schlägt für Sie, aber es blutet. Nehmen Sie meine Brandrede als Ausdruck tiefer Verbundenheit.“ Zu den Arbeiten der Preisträger könne er, der ursprünglich selbst Journalist habe werden wollen, nur sagen: „Ja, ja und ja.“

Von Lars Hennemann