Wie kommt Tenor Jonas Kaufmann mit dem Fan-Phänomen zurecht?

Der Tenor Jonas Kaufmann tritt beim Rheingau Musik Festival auf. Foto: Gregor Hohenberg / Sony Classical

Am 21. August gastiert Jonas Kaufmann beim Rheingau Musik Festival. Der mit einer Wiesbadenerin verheiratete Tenor spricht im Interview über sein Verhältnis zu Fans und zur Regie.

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WIESBADEN. Am 21. August gastiert der Tenor Jonas Kaufmann mit einem Open-Air-Programm beim Rheingau Musik Festival im Kurpark. Gemeinsam mit der Sopranistin Rachel Willis-Sørensen und dem WDR-Funkhausorchester unter Leitung von Jochen Rieder widmet sich Kaufmann einer Mischung aus großer Oper im ersten Teil und Operetten-Highlights im zweiten Teil des Programms. Noch Anfang Juli musste er eine Premiere in London absagen. Wegen der Konsequenzen einer Covid-Erkrankung, wie das das Royal Opera House meldete. Mittlerweile ist er zurück auf dem Podium.

Wie geht es Ihnen, Herr Kaufmann, wie geht es Ihrer Stimme? Sehr gut. Das A und O in solchen Situationen ist es, die Stimme in Ruhe zu lassen. Wenn man einfach Geduld hat, kann die Stimme sogar frischer als vorher sein.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt in Wiesbaden? Der allererste Auftritt dürfte in einer „Zauberflöte“ gewesen sein, als ich in Saarbrücken engagiert war, also zwischen 1994 und 1996.

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Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Ihnen vor dem Maifestspiel-Gastspiel mit Giorgio Strehlers Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ im Jahr 2000. Sie haben damals in den höchsten Tönen von der Arbeit mit dem legendären Gründer des Piccolo Teatro di Milano geschwärmt. Absolut. Das geht mir bis heute so, dass ich diese Arbeit nicht aus dem Kopf kriege. Das war schon einzigartig, wie sehr eine Person brennen kann für das Theater.

Sie sind ja mit einer Regisseurin verheiratet - und sie ist auch noch Wiesbadenerin. Sie sprechen mit Christiane Lutz sicher auch über Inszenierungsarbeit? Ich spreche über meine laufenden Produktionen mit ihr, um einfach ihr Feedback und ihre Meinung zu hören. Und umgekehrt auch. Beim Regisseur beginnt die heiße Phase ja viel früher. Man muss sich deutlich früher festlegen, in welche Richtung das Ganze geht. Auch in dieser Phase tauschen wir uns aus, und Christiane fragt nach. Sie hat mal etwas sehr Interessantes gesagt: Die allermeisten Regisseure machen ein Stück zum ersten Mal und auch nur einmal. Und sie treffen meistens auf Sänger, die in vier, fünf oder mehr Inszenierungen des Stücks engagiert waren. Bei denen eben auch dieser Prozess passiert ist, dass man nach mehreren Versuchen plötzlich ganz andere Dinge im Fokus hat. Da prallen schon zwei Extreme aufeinander, und das führt selbstverständlich auch zu Konflikten. Insofern ist es, glaube ich, interessant für sie, von mir als Sänger vorher zu hören, das ist interessant, das geht gut. Hier würde ich noch mal drüber nachdenken, weil das unter Umständen für den Sänger ein Problem wird. Ob dann am Ende etwas davon in ihre Arbeit einfließt, weiß ich nicht. Aber der Austausch findet natürlich permanent statt.

Sie haben mit vielen renommierten Regisseuren gearbeitet, zum Beispiel mit Hans Neuenfels in Bayreuth oder Claus Guth in Mailand. Im letzten Jahr mit dem russischen Dissidenten Kirill Serebrennikov in Wien. Eine „Parsifal“-Inszenierung per Video-Call dürfte die kurioseste Erfahrung gewesen sein. Wie haben Sie das empfunden? Das war natürlich sehr schwierig. Als Kirill Serebrennikov engagiert wurde, ging man davon aus, dass er bis zum Probenbeginn seinen Reisepass bekommen hat und das live machen kann. Der Regisseur Christian Pöppelreiter, mit dem ich eine meiner allerersten Produktionen 1994 oder 1995 in Saarbrücken gemacht habe, hat einmal gesagt: Ich habe einen Rohschnitt von meinem Film im Kopf. Ich hoffe sehr, Du hast auch Deinen Film im Kopf. Wenn wir uns dann zu Proben treffen, schneiden wir daraus eine Fassung, mit der wir beide zufrieden sind, die dann unser gemeinsames Projekt enthält. Das Bild finde ich großartig. Und das ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich, wenn der Assistent vor Ort ist und der Regisseur nur teilweise per Video zuhören kann. Über den Inhalt brauchen wir nicht viel reden. Da waren wir auch nicht einer Meinung. Da habe ich dann durchgesetzt, dass Teile meines Films in das gemeinsame Projekt reingeschnitten wurden, um in dem Bild zu bleiben. Ich will nicht sagen, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Aber für mich ist „Parsifal“ bis zu einem gewissen Grad ein Glaubensstück. Ob das nun die christliche Religion ist oder was auch immer. Aber wenn man nicht glaubt, und die Leute, die dort agieren, nicht daran glauben, dann hat für mich dieses Stück keinen Sinn. Das hat es sehr schwierig gemacht.

Serebrennikov ist Dissident. Die Sopranistin Anna Netrebko gilt als das Gegenteil. Mit ihr sind Sie häufig aufgetreten. Was sagen Sie zu den Debatten und dem Bekenntniszwang, dem russische Künstler momentan ausgesetzt sind? Eine schwierige Frage. Natürlich wäre es mir lieber, wenn wir uns als Künstler einfach auf unsere Aufführungen konzentrieren könnten und nicht politische Statements abgeben müssten. Dass es in der aktuellen Situation zu Unstimmigkeiten gekommen ist und dass Künstler aufgefordert werden, doch ein Bekenntnis abzugeben, kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, wenn Konzertveranstalter generell russisches Repertoire aus dem Programm nehmen - als ob ein Herr Tschaikowsky irgendetwas für Herrn Putin könnte. Das halte ich für extrem gefährlich. Natürlich gibt es Künstler, die sich bewusst vor den Karren haben spannen lassen und die es vielleicht heute noch tun. Ich glaube aber nicht, dass Anna Netrebko dazugehört.

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Sie werden in Wiesbaden nicht mit Anna Netrebko, sondern mit Rachel Willis-Sørensen auftreten. Wie hat man sich die Progammfindung vorzustellen? Dabei ist natürlich auch der Dirigent involviert, Jochen Rieder, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite. Rachel ist eine großartige Sängerin. Sie hat eine fabelhafte, balsamartige Stimme und eine bombensichere Technik. Sie kann letztlich alles, wirkt dabei oft wie ein Lausbub. Das ist schon eine unglaubliche Begabung. Die erste musikalische Begegnung war vor vier Jahren eine konzertante „Fledermaus“ in Dresden. Seitdem versuche ich, wo es möglich ist, sie mit ins Boot zu holen, weil es einfach unglaublich viel Spaß macht, mit ihr Musik zu machen und ihr zuzuhören. So wird es auch in Wiesbaden sein. Ich habe mir gedacht: Wenn ich in ein Konzert gehe, um eine Stimme zu hören, dann ist es mir lieber, ich höre eine zweite, großartige Stimme, als dass ich schon wieder irgendeine Orchesternummer habe. Eine Entlastung braucht man ja als Künstler, weil man nicht eine Arie nach der anderen singen kann. Deshalb habe ich sie eingeladen, das Konzert mit mir zu machen. Und ich glaube, das Publikum wird mit mir einer Meinung sein.

Auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich besonders? Ach Gott. Ich könnte jetzt mit Herrmann Prey sagen: auf die letzte Note. Aber das wirklich Sonderbare und Ungewöhnliche ist natürlich der Prolog aus „Bajazzo“. Es liegt mir sehr fern, in die Fußstapfen gewisser berühmter Kollegen zu treten und mit dem Bariton-Repertoire zu liebäugeln, das ist nicht die Idee. Es ist eine großartige Nummer. Es ist eine perfekte Eröffnung eines solchen Programmes.

Sie gelten als der deutsche Tenor mit dem breitesten Repertoire-Spektrum. Ihre letzte Einspielung sind Liszt-Lieder zusammen mit Helmut Deutsch. Wie machen Sie das denn der Marketing-Abteilung Ihrer Plattenfirma klar, dass das auch schön ist? (Lacht) Ich glaube, die Mischung macht´s. Ich bin ja auch gerne bereit, eher populärere Sachen aufzunehmen. Davor scheue ich mich gar nicht, eher im Gegenteil. Das Operetten-Album ist auch ziemlich erfolgreich gewesen und macht einfach einen Heidenspaß. Ich singe Wiener Lieder, ich singe die höchst klassischen Lieder. Ich glaube dieser Marketing-Abteilung ist bewusst, dass man mich eben nur als Paket, das ich bin, haben kann. Franz Liszt ist ein sehr bekannter Komponist. Jeder, der sich mit Klassik beschäftigt, kennt den Namen. Aber kaum jemand kennt ein Lied von ihm. Das ist sehr schade. Für ihn war das Lied eigentlich das zentrale Repertoire. Hier hat er zeitlebens darum gekämpft hat, Erfolg zu haben. Deshalb werde ich nimmermüde, diese großartigen Stücke zu preisen und hoffe, dass er sich eines Tages durchsetzen kann.

Sie sprechen ein breites Publikum an. Das führt, wie man in sozialen Netzwerken beobachten kann, zu einem extremen Fan-Phänomen. Sogar als Sohn möchte man Sie adoptieren. Das stelle ich mir auch etwas anstrengend vor. Wie gehen Sie damit um, wie schirmen Sie sich ab? Ganz abschirmen kann und will man sich nicht davon. Natürlich tummle ich mich nicht jeden Tag in den sozialen Medien. Ich überlasse es anderen, das zu filtern und zu sortieren. Es ist ein Phänomen. Es gibt natürlich Momente, wenn man eine Aufführung hinter sich gebracht hat und auf dem Zahnfleisch geht, dass man sich aufraffen muss, an die Bühnentür zu gehen und noch seine Fans zu beglücken. Aber in solchen Momenten denke ich mir jedes Mal: Ich möchte den Tag nicht erleben, an dem ich die Tür aufmache und da steht keiner. Das muss so schrecklich sein, dass ich all das mit Freuden hinnehme und versuche, mich in Geduld zu üben, egal wie zahlreich und wie sonderbar vielleicht manche Anfragen sind. Ich glaube, wir können uns als begeisterte Klassik-Fans alle freuen, dass es noch so eine breitenwirksame Begeisterung für klassische Musik gibt. Es gibt mit wenigen Ausreißern eigentlich kaum Fälle, mit denen man nicht sehr gut zurechtkommt.

Können Sie denn gut mit dem Bild zurechtkommen, dass die Marketing-Abteilung von Ihnen entwirft? Als schöner Mann, der Schneeflocken in Richtung Publikum bläst? Ich habe in meinen allerersten Anfängen der Zusammenarbeit mit der Plattenindustrie einige Dinge ein bisschen gegen meinen Willen gemacht, die ich später bereut habe. Aber diesen Humor muss man schon haben, dass man ein Genre wie das Weihnachtliche, das durch so viel Zuckerstaub bedeckt ist, auch ein bisschen mit einem Überdrüberzucker auf die Schippe nimmt. Das, glaube ich, ist schon erlaubt. Ich sehe es mit Ironie und mit einem Augenzwinkern.

Ich telefoniere gerade aus Bayreuth mit Ihnen. Hier haben Sie 2010 als Lohengrin debütiert. Könnten Sie sich eine Rückkehr auf den Grünen Hügel vorstellen? Bei einem Haus mit dieser Tradition wie in Bayreuth, für einen Komponisten gebaut, dem ich sehr zugeneigt bin und den ich sehr regelmäßig im Repertoire habe, wäre es verrückt zu sagen: „ich komme nicht zurück“. Ich habe mich damals nicht wirklich wohl gefühlt und hatte auch den Eindruck, nicht wirklich willkommen zu sein. An wem das lag, mag jetzt mal dahingestellt sein. Doch so lange sich dieses Gefühl nicht deutlich verändert, wird es kein Comeback geben. Ich habe aber vor, noch einige Jahre zu singen. Vielleicht finden wir ja wieder zueinander.

Am Schluss einmal zurück nach Wiesbaden: Was ist an dem Gerücht dran, dass Sie in Wiesbaden-Schierstein schon einmal eine tragende Rolle in einem Krippenspiel übernommen haben? (Lacht) Nee, zumindest so, wie Sie es jetzt formulieren, haben wir das nicht gehabt. Also: Sie spielen natürlich auf meinen Schwiegervater an, der viele Jahre in Schierstein in der Kirche tätig war. Wir haben auch schon Teile des Weihnachtsfests miteinander verbracht. Aber ein Krippenspiel in dem Sinne habe ich nicht aktiv gestaltet. Ich glaube, das ist der Phantasie entsprungen, von wem auch immer. Wir diskutieren immer wieder, ob wir nicht doch einmal die Zeit finden, uns Bach zu widmen. Das würde mich sehr freuen. Das habe ich in meinen ersten zehn Jahren der Karriere sehr, sehr regelmäßig getan, und ich vermisse das schon sehr. Ob das nun das Weihnachtsoratorium oder eine der Passionen ist: Dafür wäre er natürlich prädestiniert. Aber bis jetzt ist es ein Traum. Wir hoffen, dass er irgendwann Wirklichkeit wird.