Bernhard Vogel: Ein Umarmer wird 90

Ministerpräsident in West- und in Ostdeutschland: Das wird Bernhard Vogel - hier in seinem Haus in Speyer - nie mehr jemand nachmachen.

Zweimal Ministerpräsident, 23 Jahre im Amt – das wird dem Schwarzen der beiden Vogels niemand mehr nachmachen können. Ein Hausbesuch bei einem weisen Politrentner.

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Speyer. Seinen feinen Humor hat Bernhard Vogel ebenso wenig verloren wie den geschulten Verstand. „Langsam bitte, junger Freund. Ich bin ja keine 80 mehr”, bremst er seinen Besucher bei einem der zahlreichen Themenwechsel galant aus. Der Anlass dieses Hausbesuches: Am 19. Dezember wird der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen 90 Jahre alt. Vor den Ehrungen in Mainz, in Erfurt und in seiner Heimatstadt Speyer gilt es, eine Reihe von Interviews zu absolvieren. Die Idee eines Gesprächsportraits für die Zeitungen der VRM gefällt Vogel. In seiner rheinland-pfälzischen Regierungszeit sei die „Mainzer Allgemeine” die wichtigste Zeitung für ihn gewesen. Vogel entschuldigt sich dafür, dass er die Zeitung aus den Augen verloren hat. „FAZ” und „Rheinpfalz” studiert der politische Langzeitrentner täglich und ausführlich. Die „Thüringer Allgemeine” überfliegt er mit einem Tag Verzug.

Einen so politischen Menschen wie Bernhard Vogel lassen die Zeitläufe nicht kalt, solange der Verstand mitspielt. Und Vogel gehört zu den glücklichen Menschen, die mit diesem Verstand auch noch mit 90 Jahren gesegnet sind. Und natürlich mit einem enormen Erfahrungs- und Erinnerungsschatz. Für die Begegnung bei Kaffee und Kuchen in seinem Speyerer 70er-Jahre-Bungalow nimmt sich Vogel zwei Stunden Zeit. Unmittelbar danach folgt die nächste Verabredung: „Die möchte ich bitte nicht verpassen.”

Zuerst mal will Bernhard Vogel darüber reden, was ihm an den Zeitungen missfällt

Nach der Begrüßung im Flur, in dem die mit farbigen Gläsern durchbrochene Außenwand eine sakrale Atmosphäre verströmt, führt erstmal der Gastgeber das Gespräch: Wie es den Zeitungen geht, will er wissen. Und bedauert, dass nicht mehr alle wichtigen Nachrichten in den Blättern zu finden sind: „Stattdessen geht es immer gleich in die Debatte.” Nach angeregter Diskussion über Veränderungen im Journalismus erlaubt der Gastgeber den Rollenwechsel. Was sein Besucher denn von ihm wissen wolle?

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Bomben schweißen die Menschen eher zusammen, als dass sie ihre Verteidigungsbereitschaft schwächen

BV
Bernhard Vogel

Was reißt Bernhard Vogel aus der Gelassenheit des Alters? Ein Einstieg, der gleich auf den Krieg in Europa zielt. Und eine Frage, die Bernhard Vogel umgehend in die Bombennächte zurückversetzt, die der Zwölfjährige 1944 an der Seite seiner Mutter in Gießen erleben musste. Am 3. Dezember, am 6. und am 11. Dezember legten alliierte Bomberverbände die damalige Heimatstadt der Vogels in Schutt und Asche. Die Erinnerungen an den Luftschutzkeller sind wieder wach geworden.: „Wir hatten große Angst, verschüttet zu werden”, erzählt Vogel. Am 3. Dezember ‘44 wurde seine Schule zerstört: „Von da an gab es keinen Unterricht mehr”. Am 11. Dezember dann trifft eine Bombe das Elternhaus, „das wir von da an nicht mehr bewohnen konnten”.

1969 - Bernhard Vogel (oben links) ist Kultusminister im ersten rheinland-pfälzischen Kabinett von Helmut Kohl. Sein späterer Konkurrent Heiner Geißler lacht links neben Kohl.
1978 - die britische Queen mit Prinz Philip, dem Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs und Ministerpräsident Bernhard Vogel (rechts.) in der Druckerwerkstatt des Gutenberg-Museums.
1986 - Helmut Kohl kandidiert zu seiner ersten Wiederwahl als Kanzler an der Spitze der Landesliste der rheinland-plälzischen CDU. Bernhard Vogel gratuliert als Landesvorsitzender der Partei.
1999 - als Bernhard Vogel im Thüringer Landtag zum dritten Mal als Ministerpräsident vereidigt wird, ist er bereits der dienstälteste Regierungschef in der Geschichte der deutschen Demokratie.
2000 - Bernhard Vogel mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Hans-Jochen Vogel, der 1983 sein Ziel verfehlt hatte, Helmut Kohl als Kanzler abzulösen. 1987 löste „der rote Vogel” Willy Brandt als Parteivorsitzenden ab.
2012 - Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bernhard Vogel beim Festakt der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Vogels 80. Geburtstag.
2020 - auch Julia Klöckner hat es in zwei Anläufen nicht geschafft, die rheinland-pfälzische Staatskanzlei wieder für die CDU zu gewinnen. Hier nimmt sie als Bundeslandwirtschaftsministerin von Bernhard Vogel den Pfälzer Saumagenorden entgegen.
2022 - Festakt zu 75 Jahre Rheinland-Pfalz: Die Vize-Präsidentin des EU-Parlaments, Katharina Barley (SPD), macht mit den beiden ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck und Bernhard Vogel ein Selfie.

Natürlich ist Vogel gleich bei den Menschen in der Ukraine. „Ich habe leider auch keine Antwort, wie das enden kann.” Aus Erfahrung weiß das Kriegskind, dass Putins Bombenterror das Ziel verfehlen wird, die Ukrainer zum Aufgeben zu bewegen: „Die Bombardierung der Städte hat auch am Ende des Zweiten Weltkriegs die Menschen in Deutschland eher zusammengeschweißt, als dass sie ihre Verteidigungsbereitschaft geschwächt hätte”, berichtet der Zeitzeuge.

Verzagtheit hilft nicht. Lasst Euch daran erinnern, dass Eure Väter und Großväter mit noch größeren Schwierigkeiten fertig geworden sind.

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Bernhard Vogel
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Vogels große Sorge ist, dass die Solidarität mit der Ukraine in Deutschland und in Europa in dem Maße schwinden könnte, wie der Preis für die Verteidigung der gemeinsamen Freiheit steigt - im Zuge des Energiekriegs und der enormen Inflation. „Mut und Tapferkeit kann man nur in schwierigen Zeiten beweisen”, sagt Bernhard Vogel und erinnert an die ungleich größeren Nöte der Nachkriegszeit, als Deutschland zerstört war und elf Millionen Vertriebene aufgenommen werden mussten. Er hadert mit mancher Verzagtheit der Jüngeren: „Verzagtheit hilft nicht. Lasst Euch daran erinnern, dass Eure Väter und Großväter mit noch größeren Schwierigkeiten fertig geworden sind.”

Bewegt zeigt sich der ehemalige Politiker von der Zeitenwende, die Olaf Scholz ausgerufen hat. Dass ausgerechnet ein SPD-Kanzler den pazifistischen Grundsatz „Frieden schaffen ohne Waffen” aufgeben musste, hat für ihn einen ähnlichen historischen Stellenwert wie der Bruch der Sozialdemokraten mit dem Marxismus, den Herbert Wehner 1959 im Godesberger Programm der SPD durchgesetzt hatte: „Ich bin mir nicht sicher, ob eine sozialdemokratische Opposition die jetzt notwendige Ertüchtigung der Bundeswehr unterstützt hätte, wenn ein Kanzler der Union die Regierung führen würde.” So vermag selbst der CDU-Parteisoldat Bernhard Vogel in der Regierungsverantwortung des politischen Gegners einen Glücksfall zu sehen.

Kohl war mehrfach gegen Vogel, aber er trägt es ihm nicht nach

Die Beliebtheit des Politikers Bernhard Vogel fußt seit jeher darauf, dass er nie ein Scharfmacher war. Diese Beliebtheit über Lagergrenzen hinweg war auch seinem Naturell geschuldet, das eher dem eines Umarmers entspricht - eines durchsetzungsfähigen allerdings. So verkörperte der ewige Junggeselle Bernhard Vogel in Rheinland-Pfalz genauso wie in Thüringen das Rollenbild des Landesvaters. Dass er beide Ämter gegen den Willen Helmut Kohls antrat - nach Kohls Wechsel 1976 zum Oppositionsführer in Bonn favorisierte der CDU-Chef Heiner Geißler als seinen Nachfolger in der Mainzer Staatskanzlei - hat Vogel Kohl nie nachgetragen.

„Ich möchte mich ausdrücklich bei den Wählern bedanken, dass ich in fünf Landtagswahlen dreimal absolute Mehrheiten gewonnen habe und zweimal verhindert habe, dass eine andere Mehrheit zustande kam”, blickt Vogel auf seine Lebensleistung zurück. Eine Vokabel, die ihm in seiner authentischen Bescheidenheit nicht sonderlich behagt. Stattdessen kommt er nochmal auf Kohl zurück: „Ihn hat ausgezeichnet, dass er mich jeweils vom Tag der Entscheidungen an voll unterstützt hat.”

Gott hat Rheinland-Pfalz tatsächlich geschützt – aber nicht seine CDU

„Gott schütze Rheinland-Pfalz”, lautet der Satz, der wohl ewig von Bernhard Vogel in Erinnerung bleiben wird. Er griff zum Zeitpunkt seiner größten Niederlage zu diesem Ausruf, als ihm die sogenannten Parteifreunde beim 88er-Landesparteitag in Koblenz in den Rücken fielen. Vogel wurde als Vorsitzender der Landespartei abgewählt, wobei die Königsmörder hinnahmen, dass er - wie angekündigt - auch das Amt des Ministerpräsidenten niederlegte. 1991 dann ging die nächste Landtagswahl für die CDU verloren. Hätte er mit Blick darauf, dass die CDU in Rheinland-Pfalz seit nun schon 31 Jahren die Oppositionsbank drücken muss, nicht besser seiner Partei Gottes Segen gewünscht?

Bernhard Vogel zitiert die schelmische Bemerkung seines verstorbenen Bruders, des ehemaligen SPD-Vorsitzenden: „Hans-Jochen hat mich mit Blick auf die langen Regierungszeiten von Kurt Beck und Malu Dreyer mit dem Satz geneckt, er habe den Eindruck, dass der liebe Gott meinen Wunsch erfüllt habe.” Der SPD in Rheinland-Pfalz billigt Vogel zu, dass sie mit der Macht im Land ähnlich geschickt umgehe, wie es die CDU zuvor getan habe. Peter Altmeier, von 1947 bis 1969 Ministerpräsident, sei der Vater des künstlich zusammengesetzten Rheinland-Pfalz gewesen, Helmut Kohl der Reformer.

Sich selbst sieht Vogel in der Rolle des Politikers, der das zunächst strukturschwache Bundesland in den Kreis der prosperierenden Länder geführt habe. Wann denn die CDU eine Chance habe, die harten Oppositionsbänke endlich zu verlassen? Das hänge heute stärker denn je von der Strahlkraft der Spitzenkandidaten ab: Julia Klöckner habe in ihrem zweiten Wahlkampf den Fehler gemacht, sich während der Flüchtlingskrise mit ihrem berüchtigten „Plan A2” von Angela Merkel abzusetzen. „Zu einem Zeitpunkt, als Dreyer sich zu einhundert Prozent hinter Merkel gestellt hatte. Da ist mir klar gewesen, dass die Wahl verloren geht.”

Warum die Westdeutschen die Ostdeutschen so wenig verstehen

Dass er in Thüringen ein zweites Mal Ministerpräsident wurde, sieht Vogel als persönlichen Glücksfall der Geschichte. Ministerpräsident in einem westdeutschen und in einem ostdeutschen Bundesland, das wird ihm gewiss niemand mehr nachmachen. Die politischen Ereignisse in Erfurt verfolgt er weiterhin aufmerksam. Beschwert ihn nicht, dass die Ostdeutschen so sehr mit den Segnungen der Demokratie hadern? Bernhard Vogel holt zu einem der für ihn typischen Sätze aus, die mehr als ein Dutzend Wörter umfassen: „Weil es die Westdeutschen versäumt haben, sich mit den Ostdeutschen zu befassen, ihnen zuzuhören, erscheint vielen Westdeutschen unverständlich, was so unverständlich gar nicht ist.” Nicht die Wiedervereinigung mache Schwierigkeiten, sondern die Überwindung der Hinterlassenschaften zweier Diktaturen.

„Die Menschen in Ostdeutschland sind zwischen 1933 und 1989 geprägt worden von einer Distanz zu Regierung und Staat”, erklärt Vogel: „Und wenn man gelernt hat, dass auch das, was in der Zeitung steht, nicht stimmt, dann verliert sich das nicht in einer Generation.” Die AfD sei eine Partei, mit der die Union nicht zusammenarbeiten dürfe: „Trotzdem sind die meisten Wähler der AfD nicht kleine Nazis, sondern Protestwähler.” Bernhard Vogel hat den Eindruck, dass es sich viele Bürger - im Westen wie im Osten - mit den Segnungen der Demokratie zu leicht machten und zitiert Winston Churchills ironischen Satz: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.”

Nach zwei Stunden angeregtem Gedankenaustausch muss die ebenso unvermeidliche wie wenig originelle Frage gestellt werden: Hat der 90-Jährige noch einen Geburtstagswunsch? „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass ich noch Frieden in der Ukraine erleben darf”, sagt Vogel - um mit gebührlichem Abstand und hörbar schelmisch zu ergänzen: „Und dass in Mainz und in Erfurt wieder ein Politiker der Union in die Staatskanzlei einziehen möge.”