Jetzt reden die Eintracht-„Schlafmützen“ Tacheles

aus Eintracht Frankfurt

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Daichi Kamada (links, hier im Zweikampf mit dem Berliner Robert Andrich) könnte der Eintracht Millionen in die Kasse spülen. Archivfoto: dpa

Ewig die gleichen Spielverläufe, ständig müssen Rückstände aufgeholt werden. Meist reicht es dann nur für ein Remis - in Frankfurt ist man genervt. Woran es hapert,...

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FRANKFURT. Es klingelt und klingelt und klingelt. Und das hat bei der Frankfurter Eintracht nichts mit Adventsglocken zu tun. Noch kein einziges Spiel in dieser Saison haben die Hessen ohne Gegentor hinter sich gebracht. Und das bei individuell so starken Abwehrspielern wie Nationaltorwart Kevin Trapp, dem österreichischen Nationalspieler Martin Hinteregger oder dem erfahrenen Argentinier David Abraham. Und meistens bedeuten die Gegentore auch Rückstande. In sechs von neun Spielen in dieser Saison musste die Eintracht einem Rückstand hinterherlaufen. Am letzten Samstag bei Union Berlin lagen sie nach sechs Minuten bereits mit 0:2 zurück. Die stetigen Rückstände nerven und die Aufholjagden kosten Kraft. Am Ende reicht es dann meistens nur zu einem Punkt, zuletzt gab es vier Unentschieden in Folge, in Berlin ein 3:3. „Ich weiß nicht, warum das so ist, aber die ersten 15, 30 Minuten verschlafen wir ziemlich häufig“, hat Martin Hinteregger die Nase voll von den ewig gleichen Spielverläufen, „wir müssen uns jetzt zusammensetzen und eine Lösung finden“. Unter der Woche wollen sie bei der Eintracht intern Tacheles reden, denn mit dem Heimspiel am Samstag gegen Borussia Dortmund und dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg werden die Aufgaben im Dezember ja nicht leichter.

Das Fachmagazin „kicker“ kritisiert die Spielweise der Eintracht ziemlich zutreffend als „unreif“. Dabei gehört die Frankfurter Mannschaft zu den im Schnitt ältesten der Liga. In Berlin betrug das Durchschnittsalter knapp über 28 Jahre, obwohl mit Makoto Hasebe (36) der älteste Spieler der Liga nicht einmal eingesetzt wurde. Auch Trainer Adi Hütter steht vor einem Rätsel. Die Unkonzentriertheiten ziehen sich durchs ganze Team, machen auch vor den erfahrensten Spielern nicht halt. „Ich habe dafür keine Erklärung“, sagt Angreifer Bas Dost. Womöglich, darauf deutet nach den ersten neun Spieltagen einiges hin, reicht die Qualität nicht aus, um in der Tabelle deutlich weiter vorne zu stehen. Auch wenn sie das bei der Eintracht (noch) nicht wirklich wahrhaben wollen. Denn auch Konstanz ist ein Leistungsmerkmal. Und im Frankfurter Team gibt es zu wenige Spieler, die wirklich konstant und verlässlich auf hohem Niveau spielen.

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Die Schwankungen der ganzen Mannschaft und die der einzelnen Spieler ziehen sich durch die Saison wie ein roter Faden. Beispiele dafür gibt es genug. Personifizierung des Auf und Ab war gegen Union Spielmacher Daichi Kamada. Der Japaner hatte wirklich großartige Szenen, bereitete zwei Tore fantastisch vor. Aber er hatte auch dilettantische Szenen, war bei zwei Gegentoren direkt beteiligt. „Daichi überrascht uns immer wieder mal mit überragenden Leistungen, dann wieder mit Leistungen, die man nicht so ganz versteht“, hatte der Trainer am Tag vor dem Spiel am letzten Freitag gesagt, „aber er ist ein junger Spieler, dem wir weiter Vertrauen geben.“ Als hätte er es geahnt. Fakt bleibt: Kamada ist ein großes Talent und hat ein fast ebenso großes Phlegma. Ihn mit viel Psychologie oder vielleicht auch mit klaren Ansagen dauerhaft auf den richtigen Weg zu bringen, gehört zu den Aufgaben des Trainers. In jedem Fall besteht auch da Gesprächsbedarf.

Diese Formschwankungen, von Woche zu Woche, manchmal sogar innerhalb eines Spiels, sind typisch in dieser Saison und gelten für viele Spieler. Erinnert sei an Stefan Ilsanker, der gegen Stuttgart neben sich gestanden und gehen Leipzig überragend gespielt hatte. Oder an Almamy Touré, der vor ein paar Wochen den Durchbruch auf der rechten Seite geschafft zu haben schien und nun wieder in der Versenkung verschwunden ist. „Ich verstehe nicht, wie man zwei richtige gute Spiele machen kann und direkt darauf dann wieder zwei richtig schlechte“, steht der Trainer auch beim französischen Verteidiger vor einem Rätsel. In Berlin waren nun Trapp und Hinteregger, eigentlich Muster an Beständigkeit, vom Virus der Schläfrigkeit angesteckt. Bei den beiden Routiniers darf der Trainer immerhin hoffen, dass es sich um Einzel-(Aus)fälle gehandelt haben könnte. Aber sicher sein kann sich Adi Hütter in diesen Tagen und Wochen auch da nicht. Was ihm die Aufgabe sicher nicht erleichtert.

Von Peppi Schmitt