Wortpiratin: Die Leiden des Christian S.

aus Mainz 05

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Christian Seifert, Geschäftsführer der DFL GmbH und Sprecher des Präsidiums des DFL e.V. Foto: dpa

Die Verantwortlichen der DFL dachten, die größte Hürde für ihr Hygienekonzept sei die Politik. Doch das Problem liegt woanders, schreibt Wortpiratin Mara Pfeiffer.

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MAINZ. Mir ist nicht bekannt, wie die Person heißt, die bei der DFL dafür zuständig ist, Christian Seifert zu informieren, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt. Aber nennen wir ihn Thomas, denn wo mehr als zwei Männer zusammenkommen, ist meistens ein Thomas dabei. Stellen wir uns nun also vor, das Verhältnis zwischen Christian und Thomas war in den letzten Tagen ein wenig angespannt. Natürlich kann Thomas gar nichts dafür, es ist einfach die Sache mit dem Boten der schlechten Nachricht, der erschossen wird. Glücklicherweise wird heutzutage nicht mehr wirklich geschossen, höchstens verbal. Trotzdem. Für Thomas muss das schon eine stressige Zeit sein. „Du, Christian, der Kalou.“ „Du, Christian, Dresden.“ „Du. Christian.“

Das sind echte Ängste, solche kleinen und mittleren Katastrophen fürs DFL-Hygienekonzept überbringen zu müssen. Dem Thomas geht da jedes Mal die Pumpe. Und Christian Seifert wird es immer schon ganz blümerant, wenn er Thomas sieht. Aber es ist fast geschafft. Donnerstag also. Ganz langsam wagt Seifert ein wenig Entspannung. Nur noch zweimal schlafen, dann ist endlich wieder Bundesl… Das Telefon klingelt. „Seifert?“ „Du, Christian. Der Thomas hier.“

Christian Seifert hat sich vermutlich den Hemdkragen gelockert. Vielleicht hat sich auch sein Puls beschleunigt. Ganz sicher hat er ein wenig geschwitzt. „Ja, Thomas?“ „Ja, Folgendes, der Heiko Herrlich…“ Man darf sich Seifert in dem Moment als glücklichen Menschen vorstellen. Der Heiko! Herrlich! Mensch. Guter Typ. Vernünftig. Bodenständig. Gibt immer richtig kluge Interviews. Durchatmen. So einer, der geht zuhause noch selbst einkaufen!

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Natürlich wissen wir nicht, wie der Donnerstagnachmittag von Christian Seifert abgelaufen ist, aber dass er nur wenig Zeit im Bereich seines Ruhepulses gewesen sein dürfte, dafür hat die Pressekonferenz des FC Augsburg unter dem Motto „Heiko Herrlich geht einkaufen“ gewiss gesorgt. Da sitzt der Trainer der Fuggerstädter also und erzählt im heiteren Plauderton, wie er das Quarantäne-Hotel verlassen hat, um Zahnpaste (ging zur Neige) und Hautcreme (nicht zu verwechseln mit Handcreme) zu besorgen. Was gar nicht mal so einfach war, denn erst hatte er die Maske vergessen (zurück ins Hotel), dann konnte er keinen Einkaufswagen nehmen (nur Scheine) – und am Ende war er ganz froh über die Maske, weil ihn niemand erkannt hat.

Herrlichs Verhalten ist zutiefst menschlich

Ich prophezeie schon jetzt, das Video wird in keinem Rückblick auf die aktuelle Saison fehlen. Ein reiner Welthit. Und das meine ich gar nicht spöttisch, denn natürlich ist Herrlichs Verhalten erstmal zutiefst menschlich. Es ist außerdem verankert in dem Leben, so, wie wir es vor dieser Krise kannten. Da wäre der Trainer nämlich vermutlich dafür gefeiert worden, aus dem Hotel in den Supermarkt zu laufen, statt irgendwen zu schicken. Das ist so, wie wenn Fußballer sich plötzlich in die S-Bahn verirren. Eigentlich ganz nett. Aber die Pandemie hat die Regeln für uns alle vollständig verändert. Daran gewöhnen wir uns erst nach und nach.

Weil der Fußball mit seinem Zeitplan alle rechts überholt, müssen die Akteur*innen besonders schnell lernen. Wie das in der Umsetzung ausschaut, war jetzt schon mehrfach zu bestaunen. Wer sich das Hygienekonzept der DFL mit all den Anforderungen an die Spieler mal in seinen Details durchliest, dem schwirrt der Kopf vor lauter Anweisungen für alle Eventualitäten. Es mögen gute, lobenswerte Überlegungen dahinterstecken. Aber umgesetzt werden muss all das eben immer noch von: Menschen. Die Lern- und Anpassungsprozesse durchlaufen, Fehler machen oder in einem bestimmten Moment auch einfach mal unaufmerksam sind.

Die Verantwortlichen mögen gedacht haben, die größte Hürde für das Konzept sei es, für ihre Pläne das so ersehnte Okay von der Politik zu bekommen. Die tatsächliche Herausforderung ist aber eine ganz andere und das zeigt sich gerade überdeutlich. Die schlaflosen Nächte für Christian Seifert sind deswegen nicht gezählt. Der Stresstest beginnt jeden Tag aufs Neue. Ob der Einsatz sich aus Sicht der Verantwortlichen am Ende gelohnt haben wird? Abwarten.

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Mara Pfeiffer ist freiberufliche Journalistin und Autorin. Unter anderem von "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben" (mit Christian Karn). Aktuell erschienen: "Im Schatten der Arena - der Mainz-05-Krimi". Homepage: www.marapfeiffer.de Mara Pfeiffer bei Twitter: Wortpiratin

Von Mara Pfeiffer